Das Versehrtenwerk: Das Versehrtenwerk (16)

Titel und Untertitel

Das Versehrtenwerk (16) Immer wieder Schwierigkeiten

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Ersteller und Datum

Erstellt von GeZeiten Redaktion am 29.07.2009

Autor des Beitrags

Schilderungen von Dr. Werner Kuntze (†)

Haupttext

Jedenfalls blieb für uns die Tatsache bestehen, dass man uns während der ganzen Zeit unseres recht riskanten Aufbaues ohne eine vertragliche Sicherheit ließ und wir täglich damit rechnen konnten, wieder auf die Straße gesetzt zu werden.

Nun, wir sollten uns im Laufe unserer Entwicklung noch an Schlimmeres gewöhnen. Und vielleicht war es gut so, dass wir täglich auf alles gefasst sein mussten und uns täglich aufs Neue zu bewähren hatten.

Zu unseren Förderern gehörte auch der damalige Leiter des Roten Kreuzes in Flensburg, ein Stadtdirektor. Er zeigte vom ersten Tag an viel Verständnis für unsere Arbeit und es gelang ihm, durchzudrücken, dass das Rote Kreuz uns monatlich einen Betrag von zehntausend Reichsmark als laufenden Zuschuss in Aussicht stellte. Einmal wurde dieser Betrag sogar ausgezahlt. Weitere Beträge wurden dann allerdings gestoppt. Der Verantwortliche für diese Entwicklung darf für sich den „Ruhm“ in Anspruch nehmen, unsere Arbeit in jeder Weise gehemmt zu haben.

Wir hatten die Versehrten, so wie sie zu uns kamen, aufgenommen – ohne Auswahl. Die Versehrten waren aber durch die lange Lazarettzeit zum Teil schon den Verlockungen des Schwarzmarktes erlegen. Sie hatten gelernt, dass die Arbeit unter den gegenwärtigen Umständen eine unbequeme Sache war, und dass man das Geld mit Zigarettenhandel wesentlich leichter verdienen konnte. Und es war unsere nicht ganz leichte Aufgabe, ihnen diese ihre Erkenntnis wieder zu nehmen.

Es zeigte sich, dass Gegenstände aus den Werkstätten verschwanden, die offensichtlich ihren Weg zum Schwarzmarkt fanden.

So standen wir vor der recht bedrückten Tatsache, dass wir in unseren eigenen Reihen Spitzbuben hatten, die sich an der Gemeinschaft vergangen.

Als bei einem LKW alle Reifen fehlten, stellte sich nur durch Zufall heraus, dass der Meister der Autoschlosserei, diese Reifen verkauft hatte. Wenn wir vorher immer noch nachsichtig waren, so haben wir in diesem Fall hart durchgegriffen und die Angelegenheit dem Staatsanwalt übergeben. Der „Erfolg“ war eine Gefängnisstrafe und das Ausscheiden aus dem Werk. Diese Lehre schien zu wirken; die Diebstähle ließen nach.

Es war eine mühsame Erziehungsarbeit. Vielen fehlte einfach die Vorstellung dafür, dass ihr Tun falsch war. Sie kauften nicht, sie „besorgten“ oder „organisierten“. Es galt, die moralischen Grundbegriffe zu revidieren.

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Jahr

1946

Ort

Flensburg

Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Versehrtenwerk

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