Das Versehrtenwerk: Das Versehrtenwerk (15)

Titel und Untertitel

Das Versehrtenwerk (15) Die Werkstätten wachsen

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Ersteller und Datum

Erstellt von GeZeiten Redaktion am 29.07.2009

Autor des Beitrags

Schilderungen von Dr. Werner Kuntze (†)

Haupttext

Da erschien eines Tages bei mir ein älterer, fast blinder Schmiedemeister und fragte, ob er bei uns beginnen könne. Er war im Kriege schwer versehrt worden und erklärte sich bereit, seinen Arbeitsplatz selbst aufzubauen, so wie es ja bei uns üblich gewesen war. Im Kellergeschoss war ein geeigneter Baum. Wir beschafften ihm eine Feldesse, Ambosse, Schleifscheiben. Die Hämmer und Zangen schmiedete er sich selber. Und bald glühte dort unten, von einem Blaseheld angefacht, ein warmes Schmiedefeuer. Diese Schmiede wurde sogar irgendwie das Herz unseres Betriebes. Der Rhythmus der Hammerschläge, die Gestalten der Ruß geschwärzten Männer waren wie lebendige Symbole unserer Arbeit. Da war auch ein Armamputierter, der eine so genannte Arbeitsprothese hatte, in die er Zangen, Feilen, Hämmer einschrauben konnte. Und so entstand „unter seinen Händen“ manch handwerklich einwandfreies schmiedeeisernes Werkstück. So wurden beispielsweise aus alten verbogenen T-Eisen einige hundert Sackkarren gefertigt, aber auch Gartengeräte, wie Spaten, Harken, Schaufeln etc., die reißenden Absatz fanden. Notwendig wurde auch sehr bald die Einrichtung einer Schuhmacherei. Es gelang uns, von einem alten Schuhmachermeister einige Maschinen – Nähmaschinen, Steppmaschinen, Putzmaschinen – zu mieten. Andere Maschinen konnten wir uns besorgen, so dass die Schuhmacherei bald recht ansehnlich ausgestattet war.

So wuchs eine Werkstatt nach der anderen. Bald waren es sechzehn. Der Grund hierfür lag auf der Hand. Wir wollten jedem Versehrten die Möglichkeit geben, bei uns zu arbeiten. Wenn wir das Glück hatten, gelernte Kräfte zu bekommen, dann mussten diese auch in ihrem erlernten Beruf eingesetzt werden. Die Ungelernten dagegen sollten die Möglichkeit haben, sich in jedem Handwerkszweig zu erproben. Wenn einer beispielsweise glaubte, in der Buchbinderei nicht das gefunden zu haben , was seinen Fähigkeiten entsprach, dann hatte er die Möglichkeit, in der Schlosserei, in der Schuhmacherei, in der Schneiderei, in der Seilerei, in der Weberei oder in einer der übrigen Werkstätten sein Geschick zu erproben. Wir waren uns darüber im Klaren, dass eine Vielzahl von Werkstätten die Rentabilität nicht förderte. Der Aufbau eines in sich geschlossenen Industriewerkes war aber in der damaligen Wirtschaftssituation unmöglich. Dazu fehlten uns außerdem auch die Mittel. Gleichzeitig mussten wir nun auch die Verhandlungen mit den zuständigen Behörden führen. Es war eine Unzahl von Besprechungen und Konferenzen notwendig. So ging es von einem Vorzimmer zum anderen. Und manchmal war es so, dass man nahe dran war, den Mut zu verlieren. Denn in dieser Zeit war die Verantwortungsfreude der amtlichen Stellen nicht gerade groß. Wir hatten schon berichtet, dass die Intendantur uns das Lehrwerkstätten-Gebäude zur Verfügung gestellt und dass die englische Dienstsstelle darauf von uns die Schaffung einer Rechtspersönlichkeit verlangt hatte. Nachdem man uns grundsätzlich die Benutzung der Räume und der uns zur Verfügung gestellten Werkstätten gestattet hatte, kam Ende 1945 ein dringender telefonischer Anruf aus Kiel: „Geben Sie sofort einen Antrag auf Vermietung dieser Räume und Gegenstände an die Intendantur, damit das noch vor dem Weihnachtsfest erledigt werden kann.“ Es wurde daraufhin ein entsprechender Antrag vorbereitet. Ich hatte in diesem Antrag um mietsweise Überlassung des gesamten Lehrwerkstätten-Gebäudes gebeten. Unser kalkulatorisches und rechnerisches Gewissen, unser Kaufmann lehnten eine solche Formulierung ab und verlangte, dass wir nur um die Überlassung „einiger“ Räume im Lehrwerkstätten-Gebäude bäten. Ich wandte ein, dass dies wahrscheinlich zu Schwierigkeiten führen würde, denn es liege nicht im Interesse der maßgebenden Dienststellen, nur einige Räume zu vermieten, da dann die Vermietung der anderen Räume des Gebäudes zweifellos Schwierigkeiten bereiten würde.

Er stellte mich jedoch dadurch vor die Alternative, dass er einfach fortlief. Die Zeit drängte. Der Wagen, der den Antrag nach Kiel bringen sollte, wartete vor der Tür. So siegte diesmal die kaufmännische Vernunft, die nicht zu Unrecht meinte, dass das gesamte Gebäude finanziell zu sehr belasten würde. Der Antrag wurde in ihrem Sinne formuliert und reiste mit den Unterschriften der drei Vorstandmitglieder nach Kiel. Leider sollten wir Recht behalten. Denn die Antwort aus Kiel lautete, die Vermietung „einiger“ Räume des Lehrwerkstätten-Gebäudes könne nicht genehmigt werden, da das Gebäude nur als Ganzes vermietet werde. So standen wir wieder vor der Frage: entweder das ganze Projekt aufzugeben oder uns für die Mietung des ganzen Gebäudes zu entschließen. Der Kaufmann warnte und glaubte, darin ein nicht tragbares wirtschaftliches Risiko zu sehen. Es gelang uns aber, ihn zu überzeugen, und die weitere Entwicklung hat uns dann doch Recht gegeben. So haben wir also erneut um die Vermietung des gesamten Gebäudes gebeten. Um nun aber auch sicher zu sein, dass man uns nicht mit Bescheinigungen und Berufungen auf irgendwelche Anordnungen alles wieder fortholte, was wir mühsam zusammengetragen hatten, begaben wir uns sofort zur Militärregierung und baten um die Sanktionierung unseres Unternehmens. Wir entwickelten unsere Pläne und fanden volles Verständnis. Kurz darauf gab uns der damalige Kommandeur der Militärregierung in Flensburg einen generellen Freibrief, in dem er die Überlassung der Räume des Lehrwerkstätten-Gebäudes und der von uns benutzten Maschinen und Werkzeuge genehmigte und uns darüber hinaus die Zuteilung von elektrischem Strom garantierte. Ich hatte bei diesem Antrag drauf hingewiesen, dass die englischen Marine-Dienststellen, die über dieses Gebäude noch zu verfügen hatten, dieses uns zur Verfügung gestellt hätten. Es waren seit der Absendung unseres seinerzeit als dringend angemahnten Antrages etwa drei Monate ins Land gegangen, als ich plötzlich ein Schreiben des Kommandeurs der Flensburger Militärregierung erhielt. In diesem Schreiben teilte er mir mit, dass der englische Marinebefehlshaber in Mürwik von der Überlassung des Gebäudes an uns angeblich nichts wisse. Und er forderte mich auf, den Marinebefehlshaber umgehend zufrieden zu stellen und ihm darüber Bericht zu erstatten. Abschließend fügte er hinzu: „Ich hoffe, dass Sie mein vertrauen in Sie nicht missbraucht haben.“ Dieses Schreiben bedeutete zweifellos für uns und insbesondere für mich einen erheblichen Schock. Wir wussten, dass es in der Macht der englischen Dienststellen stand, das Projekt sofort zu annullieren. Außerdem kränkte es mich, dass man glaubte, dass ich das Vertrauendieser englischen Dienststellen, dass man mir in großzügiger Weise entgegengebracht hatte, getäuscht haben sollte.

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Jahr

1946

Ort

Flensburg

Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Versehrtenwerk

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