Das Versehrtenwerk: Das Versehrtenwerk (14)

Titel und Untertitel

Das Versehrtenwerk (14) Enthusiasmus

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Ersteller und Datum

Erstellt von GeZeiten Redaktion am 29.07.2009

Autor des Beitrags

Schilderungen von Dr. Werner Kuntze (†)

Haupttext

Wenn mir vorher bei den Fürsorgetagungen von Fachleuten entgegengehalten worden war, dass es wirtschaftlich nicht tragbar sei, wenn die Ungelernten und die Lehrlinge ein höheres Entgelt als das übliche Lehrlingsgeld erhielten, so wurde uns gerade von diesen Kreisen jetzt vorgehalten, dass wir mit der Lohnzahlung von vierzig Pfennigen, also etwa achtzig bis neunzig Mark im Monat, die Versehrten ausbeuteten. Diese Herren waren andererseits nicht in der Lage, diese ungelernten und durch ihre körperlichen Hemmungen unproduktiven Versehrten anderweitig in den Arbeitsprozess einzugliedern. Nun, wir haben diese Kritik gern in Kauf genommen, zumal wir uns die Frage der Lohnzahlung nach allen Gesichtspunkten, vor allem vom Standpunkt der Lebensfähigkeit des Werkes aus reiflichst überlegt hatten. Allerdings stiegen damit unsere materiellen Sorgen nicht unerheblich. Die Belegschaft war in kurzer Zeit von dreißig auf nahezu sechzig Mann angewachsen. Die von ihr gefertigten Gegenstände waren nur zu einem kleinen Teil verkauft worden. Der größte Teil war noch auf Lager. Und zwar deshalb , weil über ihre Verwendung nur im Einverständnis mit den Wirtschaftsämtern entschieden werden sollte. Und zum anderen, weil eine Kalkulation dieser Dinge wegen der oben angegebenen Schwierigkeiten praktisch noch gar nicht möglich war. Wir wollten vor allem vermeiden, beim Absatz dieser Produktion Preise zu nehmen, die sich nicht rechtfertigen ließen. Dies hing zusammen mit unserer Erziehungsarbeit. Jeder Überpreis, so wie er zu dieser Zeit in der freien Wirtschaft für die minderwertigen Gegenstände üblich war, musste die Arbeitsmoral erschüttern. Und so wollten wir von vorneherein lieber finanzielle Nachteile in Kauf nehmen als nach außen und vor allem nach innen unseren Versehrten gegenüber in den Verdacht zu kommen, die augenblickliche Konjunktur auszunutzen, dies hätte außerdem auch noch weitere Gefahren in sich geborgen: wir hätten mit Preisen kalkuliert, die bei einer späteren Wirtschaftsentwicklung nicht mehr vertretbar gewesen wäre, und uns danach sehr schnell rentabel geglaubt. Wir hätten dann sehr leicht und leichtfertig unsere Kalkulation und damit die Produktion darauf eingestellt und dann später feststellen müssen, dass die werte, die wir in Ansatz brachten, falsch waren, und dass damit die Voraussetzungen unseres Betriebes entfielen. Wir wollten den Betrieb von vorneherein trotz der Schwierigkeiten so aufbauen, dass er nach allen bis dahin gültigen Wirtschaftsgesetzen lebensfähig war. Kurz: wir wollten es uns so schwer wie möglich machen. So entstand also für uns die Frage: Wie werden wir in Zukunft den Aufbau und die Fortführung des Versehrtenwerkes finanzieren? Jeder in normalen Zeiten entstehende Industriebetrieb hätte etwa nach folgenden Gesetzen gearbeitet: Es wäre beispielsweise bei einer Aktiengesellschaft eine bestimmte Anzahl von Aktien aufgelegt worden, und der Betrieb hatte dann mit einem bestimmten Betriebskapital, sagen wir fünfhunderttausend Mark, seine Maschinen, die Werkzeuge, das Material und die notwendigen Einrichtungen des Betriebes finanziert worden. Unter der Leitung eines erfahrenen Betriebsingenieurs und eines Betriebskaufmannes und anderer Fachkräfte wäre dann die Produktion nach allen Gesetzen der Wirtschaft angelaufen. Wir konnten nicht so arbeiten. Als wir anfingen, war unser Betriebskapital sechzehntausend Mark, also völlig unzureichend, wenn man bedenkt, dass der monatliche Lohnaufwand sehr schnell von fünftausend auf achttausend Mark stieg. Wir hatten keinerlei Maschinen und keinerlei Werkzeug. Wir hatten kein Material und zunächst auch noch keine Fachleute. Die so genannten Fachkräfte, die zu uns kamen, waren Versehrte, die größtenteils ungelernt waren. Mit diesen Voraussetzungen sollten wir nun einen wirtschaftlichen Betrieb aufbauen. Jeder Betriebsfachmann musste uns einen schnellen und sicheren Tod voraussagen. Er hätte allerdings eines nicht mit in Rechnung gestellt. Und das war etwas, was man nicht mit Zahlen ausdrücken konnte, nämlich: Der unbedingte Wille, der Glaube an die Möglichkeit einer Verwirklichung der Idee und die Phantasie, die uns immer wieder geholfen hat, jeder Schwierigkeiten Herr zu werden. Diese drei Vorrausetzungen waren es, die uns auch das finanzielle Problem lösen halfen. Wir haben uns das notwendige Betriebskapital, nachdem der Betrieb bereits arbeitete, erst zusammengeholt. Der Weg war zweifellos ungewöhnlich. Wir wollten vermeiden, uns an die Öffentlichkeit zu wenden und um milde Spenden zu bitten. Kein Mensch gibt einem etwas, wenn er nichts dafür erhält. Was wir boten, war mannigfaltiger Art. Wir fingen an mit Veranstaltungen. Damals hatten sich viele so genannte Theater- und Varietéunternehmen aufgetan und scheffelten das Geld in ihre eigenen unersättlichen Taschen. Wir sagten uns: „Wenn das die so genannte Öffentlichkeit stillschweigend hinnimmt, dann muss sich auch uns die Möglichkeit geben, für diesen besonderen Zweck, also nicht für uns, sondern für andere und zwar auf bessere Weise Geld zu erhalten. So haben wir Künstler gefunden, die sich freiwillig in den Dienst der Sache stellten und künstlerisch wertvolle Veranstaltungen durchführten, die sich wesentlich von dem derzeitigen Niveau unterschieden. Die Vorbereitungen dieser Veranstaltungen waren nicht einfach. Sie erforderten eine geschickte Propaganda, die oft mit vielen neuartigen Einfällen durchgeführt wurde. Es musste in vieler Kleinarbeit jede Veranstaltung durchorganisiert werden. Dazu gehörten die Verhandlungen mit den Künstlern, den städtischen Behörden, dem Finanzamt, der Militärregierung, das Mieten eines Veranstaltungsraumes, die Sicherstellung des Transportes der Künstler und ihrer Instrumente. Der Saal musste hergerichtet, oft die Bühne oder das Konzertpodium aufgebaut, eine Garderobe aufgestellt und besetzt werden. Es mussten zuverlässige Männer die Kasse führen, ordnungsgemäß abrechnen und schließlich die Steuern abführen. Diese viele Kleinarbeit aber hatte für unseren inneren moralischen Zusammenhalt sehr viel Positives.

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Jahr

1946

Ort

Flensburg

Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Versehrtenwerk

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