Das Versehrtenwerk: Das Versehrtenwerk (13)

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Das Versehrtenwerk (13) Das Thema Lohnzahlung

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Erstellt von GeZeiten Redaktion am 29.07.2009
Zuletzt bearbeitet am 07.11.2009

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Schilderungen von Dr. Werner Kuntze (†)

Haupttext

Man könnte vielleicht einwenden, das wäre schließlich Angelegenheit des Werkes und könnte nicht den Versehrten zur Last gelegt werden. Dabei würde man allerdings übersehen, dass das Werk nichts anderes war als die Gemeinschaft der Versehrten selbst, und dass, wenn das Werk nicht lebensfähig gewesen wäre, auch die Versehrten ihre Arbeitsstelle, ihr Unterkommen und ihre Verpflegung verloren hätten. Zum anderen war aber auch die Leistung der Versehrten noch nicht so, dass sie den Lohn voll rechtfertigte. Sie waren größtenteils ungelernt, und ihre körperlichen Hemmungen störten den Arbeitsprozess recht erheblich, zumal wir zu dieser Zeit noch nicht technische Erleichterungen erprobt hatten. So standen wir vor der Frage: entweder die gesamte Idee einer Versehrtenarbeit als unsinnig zu verwerfen und das Werk, das gerade eben zu leben begann, wieder zu schließen, oder aber diese Schwierigkeiten in Kauf zu nehmen. Einen anderen Weg gab es nicht. Wir waren uns der Schwierigkeiten und Mängel unserer Produktion voll und ganz bewusst und haben sie voll und ganz in Kauf genommen. Auch hier wird jeder Kaufmann uns zugeben, dass eine Lohnzahlung, so wie sie in einer normalen und klar durchdachten industriellen Produktion üblich war, einfach zum finanziellen Zusammenbruch führen musste. Wir standen also vor einer schwerwiegenden Entscheidung. Wir haben in klarer Erkenntnis dieser Schwierigkeiten deshalb in der ersten Zeit zunächst von einer Lohnzahlung abgesehen. Vor allem aber auch, weil noch ein zweites Moment hinzukam. Das, was uns bisher zusammengeführt hatte und mit Freude erfüllte, das war die Idee, etwas aufbauen zu können. Jeder packte an, jeder half mit. Es war eine von heiligem Eifer ergriffene Gemeinschaft, die nur ein Ziel kannte: wir wollen unser Versehrtenwerk aufbauen. So hielten uns nicht materielle, sondern einzig und allein ideelle Werte zusammen, die gerade in dieser Zeit so ungeheuer selten waren. Wir mussten befürchten, wenn nun das Geld zwischen uns kam, dass es uns unsere Gemeinschaft störte. Es lag klar auf der Hand, dass hier und da Ungerechtigkeiten in der Bemessung des Arbeitswertes nicht zu vermeiden waren. Diese Ungerechtigkeiten wieder mussten zu Verstimmungen führen. Es war weiter zu befürchten, dass diese unser Gemeinschaftswerk dann nur als reine Erwerbsquelle angesehen wurde, und dass damit die ihm innewohnenden ethischen Werte verloren gingen. Wir haben alle diese Bedenken der Erkenntnis untergeordnet, dass die Versehrten ebenfalls Geld verdienen sollten. Und so haben wir uns etwa zwei Monate nach der Inbetriebnahme der ersten Werkstatt entschlossen, ihnen Löhne zu zahlen.

Obwohl wir uns eindeutig von den Kapitalistischen Unternehmen, bei denen der Arbeiter mehr oder weniger ein Kaufobjekt ist, absetzen wollten, war diese Kompromisslösung nicht zu umgehen. Wir gingen dabei davon aus, dass die Versehrten zumindest so viel Lohn wie die tatsächlichen Kosten ihrer Verpflegung und Unterkunft einschließlich Heizung, Licht, Wäsche usw. ausmachten. Und darüber hinaus noch mindestens zwanzig bis fünfundzwanzig Mark Taschengeld erhalten mussten. D.h. also, dass sie im Monat achtzig bis neunzig Mark bar in die Hand bekommen mussten. Wir waren uns auch darüber klar, dass die Leistungen der Versehrten unterschiedlich waren. Wir mussten sie also auch unterschiedlich bewerten. Es ging nicht an, dass ein Gelernter ebenso viel erhielt wie ein Ungelernter. Wir haben nun in enger Anlehnung an die Tarifsätze den Lohn festzusetzen versucht. Und zwar gaben wir dem Meister neunzig Pfennige bis eine Mark und zehn Pfennige je nach Umfang der Werkstatt und Handwerksart, dem Gelernten siebzig bis neunzig Pfennige, dem Angelernten je nach Alter und Leistung sechzig bis siebzig Pfennige und dem Ungelernten vierzig bis siebzig Pfennige Stundenlohn. Bei der Festsetzung des letzten Satzes gingen wir davon aus, dass ein Lehrling, wenn überhaupt, nur zwanzig Mark im Monat erhält. Der ungelernte Versehrte war bei der handwerklichen Arbeit auch nicht mehr als ein Lehrling. Das war jedenfalls die Auffassung des Handwerks. Trotzdem erhielt der Ungelernte bei uns achtzig bis neunzig Mark im Monat, was sich eigentlich vom kaufmännischen Standpunkt der Rentabilität unseres Werkes auch nicht vertreten ließ. So kam also der Tag der ersten Lohnzahlung heran. Unser Kaufmann hatte die gesamten Lohnberechnungen neben seinem Beruf in den Abend- und Nachtstunden und sonnabends und sonntags vorbereitet. Dieser Tag wurde für uns ein ganz besonderes Ereignis. Es war gewissermaßen ein Symbol dafür, dass die Versehrten von ihrer Hände Arbeit leben konnten. Viele und gerade die Anständigsten – hatten niemals damit gerechnet, dass wir unter diesen wirtschaftlichen Umständen – praktisch ohne Mittel – jemals ihnen Lohn zahlen könnten. Als sie bereits vorher Gerüchte hörten, dass Geld ausgezahlt werden sollte, haben sie diese lächelnd zurückgewiesen. Sie meinten, es sei schon genug, wenn sie ihre Verpflegung und ihre Unterkunft unentgeltlich hätten. Und so war es also für sie ein ganz besonderes Geschenk.

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Kriegsverbrecher-Prozeß Deutsch. Haus Flensburg

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Jahr

1946

Ort

Flensburg

Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Versehrtenwerk

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