Das Versehrtenwerk: Das Versehrtenwerk (11)

Titel und Untertitel

Das Versehrtenwerk (11) Improvisation war alles

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Ersteller und Datum

Erstellt von GeZeiten Redaktion am 23.07.2009

Autor des Beitrags

Schilderungen von Dr. Werner Kuntze (†)

Haupttext

Wir haben oft den Schrott so lange in der Hand gehalten und gedreht und angeschaut, bis plötzlich jemandem die Idee kam, daraus könne dieses oder jenes gefertigt werden. Und dann wurde diese Idee verwirklicht. Es war ein ständiges Improvisieren, das viel Fantasie erforderte. Die Arbeit durfte nicht abreißen, denn sie war unser oberstes Gesetz. So haben wir beispielsweise aus den Lazaretten die alte Wehrmachtsbekleidung zusammengefahren. Sie war zum Teil völlig abgetragen, verschmutzt, mit Blut verklebt, aber sie bildete für uns einen wertvollen Rohstoff. Wir fuhren von Lazarett zu Lazarett, überzeugten die Zahlmeister und erhielten einen LKW-voll nach dem anderen. Eine große Schar von freiwilligen Helfern, zum Teil waren es selbst Versehrte, besorgte diese Transporte, und unsere Speicher füllten sich langsam mit Bergen von Altmaterial, dass wir dann mit Genehmigung der Militärregierung käuflich erwarben. Diese Kleidung wurde auseinandergetrennt, gewaschen, gereinigt, gebügelt und gewendet. Und aus den einzelnen Teilen wurde Zivil- und vor allem Kinderkleidung gefertigt. Die Modelle waren recht mannigfaltig: kleine Spielhöschen, Röckchen, Blusen, Schürzen, Mäntel, aber auch Mützen, kleine Schuhe und ähnliches. So entstand sehr schnell eine Schneiderei mit zwei amputierten Schneidermeistern, die nun auch wieder Ungelernte anlernten. Aus den unbrauchbaren Resten wurden dann kleine kunstgewerbliche Artikel wie Stofftierchen, Stoffbälle, Puppen, Kindertäschchen usw. gefertigt. Damit war also auch die kunstgewerbliche Werkstatt geschaffen worden. Sie wurde geleitet von einer jungen Flensburgerin, die hierin besonderes Geschick bewies und die verstand, die Versehrten für die nicht ganz leichte Arbeit des Kunstgewerbes schnell zu begeistern. Sie hatte zum Beispiel einen beinamputierten Koch zu einem recht geschickten Schneider umgeschult. Die kleine Werkstatt atmete einen besonderen Geist. Jedes Mal, wenn man sie betrat, wandten sich einem zufriedene und frohe Gesichter zu.

 

Es wurde viel gelacht und gesungen, was insbesondere diesen jungen Mädchen zu verdanken war. Die Erzeugnisse dieser kleinen Werkstatt waren vielgestaltig und ansprechend. Wir hatten – ebenfalls aus alten Wehrmachtsbeständen – alte zerrissene Schwimmwesten erhalten und konnten nun den Kapok zur Füllung verwerten. Dieser Kapok fand aber noch eine andere Verwendungsmöglichkeit. Es war mir gelungen, nach vielen Versuchen von einer Flensburger Webstuhlfabrik drei Webrahmen und einen – allerdings nicht ganz vollständigen – Webstuhl zu erhalten. Damit war eine weitere Werkstatt entstanden, nämlich eine Weberei. Ein versehrter Webermeister aus dem Sudetenlande leitete diese neue Werkstatt. Hier wurden aus Stoffresten Flickenteppiche gefertigt, die allseitig Anklang fanden. Im Zuge der Materialbeschaffung kamen wir auf immer neue Ideen. Wir hatten ausfindig gemacht, dass in einem alten Lager Eisen, Kupfer und Zink in Form von Stangen lagerten. Wir hatten die Genehmigung erhalten, uns dort aus den gewaltigen Haufen einige Stangen heraus zusuchen. Von dieser Genehmigung machten wir ausgiebig Gebrauch. Wir fuhren mit einem großen LKW vor, und nun wurde von allen mit Hand angelegt. Es war nicht ganz leicht, die Stangen, die sich ineinander verhakt und verschlungen hatten, aus dem Metallhaufen herauszuziehen. Es mussten dabei Schrottberge beiseite geräumt werden, nur um eine Stange zu gewinnen. Aber wir waren mit großem Eifer am Werk, und im Laufe eines arbeitsreichen Vormittags war der LKW beladen. Das war wieder ein Geschenk für unsere Schlosserei, von dem sie lange zehrte, und das sie vor allem für die Fertigung von Hilfsmaschinen verwandte. Wir hatten unter anderem auch einen größeren Posten von Zeltstöcken aus (die Zelte am Boden verankert) Metall erhalten, den so genannten Heringen mit denen die Zelte am Boden verankert waren. Zuerst war uns ihre Verwendung nicht klar, bis plötzlich jemand auf die Idee kam, sie zu biegen und daraus Dreieck-Gelenke für Kinderroller zu fertigen. Dabei fiel der obere Teil mit der Öse ab und ergab Aufhänger für Borte und Bilder. Und damit war bereits wieder ein neuer Produktionszweig entstanden. Aus Holzresten wurden die Bretter und Stäbe für die Kinderroller in der Tischlerei gefertigt. Die Schlosserei machte die Metallgelenke und Beschläge. Die Malerei gab ihnen den Anstrich und den letzten Schliff. So haben wir hunderte von Kinderrollern gefertigt und damit viel Freude bereiten können. Da auch das Schrottmaterial uns nur in begrenzten Mengen zur Verfügung stand, riss die Produktion, immer wenn sie sich gerade eingespielt hatte, ab und wurde daher erheblich teuer. Und damit kommen wir zu einem weiteren Grundproblem unseres Versehrtenwerkes, nämlich zur Frage der Finanzierung. Wir hatten mit einem Anfangskapital von sechzehntausend Mark angefangen. Dieses Geld war auf folgende Weise zustande gekommen. Nach der Kapitulation hatten sich nicht nur die Massen der Versehrten, sondern auch die übrigen Soldaten in Flensburg gestaut. Die Flensburger Förde lag voll von Schiffseinheiten, die auf ihre weiter Verwendung warteten. Die noch zur Verfügung stehenden Kasernen waren ebenso wie die Lazarette überfüllt. Damit stand die Wehrmachtsfürsorge vor einer gewaltigen Aufgabe. Diese Heere Unbeschäftigter bildeten eine nicht unbedeutende moralische Gefahr. Es musste dafür gesorgt werden, ihnen irgendwie Abwechslung auf Kosten der Allgemeinheit selbst beschafften. Und so wurden überall Wehrmachtskinos eingerichtet, die oft am Tage drei Vorstellungen gaben. Zwei dieser großen Kinos unterstanden meiner Fürsorgearbeit. Der Ansturm war ungeheuer. Er musste irgendwie geregelt werden. So wurden Karten ausgegeben und diese gleichmäßig an die verschiedenen Einheiten verteilt. Da aber die übrigen Fürsorgeaufgaben immer größer wurden und die hierfür zur Verfügung stehenden Geldmittel immer mehr schwanden, schlug ich vor, für die Kinos Eintritt zu erheben und zwar zwanzig Pfennige. Dieser Vorschlag stieß zunächst auf Widerstand, weil man meinte, man könne Soldaten kein Geld abverlangen. Zu dieser Zeit waren aber alle noch nicht zur Entlassung gekommenen Soldaten finanziell nicht schlecht gestellt. Sie erhielten zum Teil noch ihren Wehrsold und hatten oft recht erhebliche Ersparnisse, die sie nun dazu verwandten, bereits die ersten Ansätze des Schwarzen Marktes zu finanzieren. Es wurden damals schon für eine Zigarette drei Mark und mehr bezahlt. Damit war meines Erachtens durchaus eine moralische Rechtfertigung für das Kino-Eintrittsgeld gegeben, zumal dieses Geld nur für Zwecke der Fürsorge Verwendung fand.

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Jahr

1947

Ort

Flensburg

Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Versehrtenwerk

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