Das Versehrtenwerk: Das Versehrtenwerk (10)

Titel und Untertitel

Das Versehrtenwerk (10) Viele kleine Kostbarkeiten

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Erstellt von GeZeiten Redaktion am 23.07.2009
Zuletzt bearbeitet am 20.01.2013

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Schilderungen von Dr. Werner Kuntze (†)

Haupttext

Die beste Unterhaltung blieb eine tätige Feierabendbeschäftigung. Und zwar musste sie ganz anders sein als die tägliche Arbeit. Hier konnte nach Herzenslust gebastelt werden. Hier konnte der Schlosser tischlern und der Tischler buchbindern. Oder aber man benutzte die Gesellschaftsspiele, die zur Verfügung standen. Man spielte Skat oder Schach. Ein großer teil allerdings zog es vor zu schlafen. Was gibt es schöneres als den Schlaf, der alles in sich versinken läst, alle Sorgen des Alltags, alle Sehnsucht, alle Hoffnungen und alle Enttäuschungen? So war also die kleine Gemeinschaft von dreißig Versehrten bei uns untergekommen. Sie wurden bei uns verpflegt, betreut und sie hatten vor allem ihre Arbeit. So ging der Aufbau der Werkstätten weiter.

Mit Hilfe der Schlosserei war auch die Herrichtung des Kamins mit Ventilator für die Küche möglich. Es wurden Hilfsmaschinen gebaut, Reparaturen an der Installation und der Heizung ausgeführt. Für die Küche wurden ein Fleischwolf, eine Gemüseschneidemaschine, eine Kartoffelwaschmaschine, Fruchtpressen und andere Geräte gefertigt. Die großen Kunstschmiedelampen für den Gemeinschaftsraum entstanden in der Schlosserei. So hatten wir nun bereits drei Werkstätten, in denen insgesamt dreißig Versehrte arbeiteten. Es blieb aber nicht bei diesen dreien. Es entstanden sehr schnell weitere. So wurde eine Bürsten- und Besenbinderei eingerichtet, weil wir in der Nähe große Felder von Ginster entdeckt hatten, aus denen wir recht gut Strauchbesen fertigen konnten. Die Reste des Ginsters wurden zu Topfschrubbern verarbeitet. Gleichzeitig war es uns gelungen, von der Marineintendantur altes Tauwerk zu erhalten, das auseinander gedreht wurde. Die so gewonnenen einzelnen Kordeln wurden zu Zöpfen geflochten und aus den Zöpfen wurden etwa ein bis anderthalb Zentimeter starke Sohlen genäht. Auf diese Sohlen wurden aus alten Stoffresten Oberteile gefertigt. Und so entstanden sehr schöne und viel begehrte Hausschuhe. Damit hatten wir bereits wieder eine Werkstatt. Die Schwierigkeit war immer wieder, das nötige Garn zum Nähen zu erhalten. Aber auch das wurde durch die Findigkeit aller Beteiligten immer wieder geschafft. Diese Werkstatt wurde geleitet von einem versehrten Bürstenbinder, der nur mit Ungelernten arbeitete. Das war überhaupt das grundlegende Problem. Wir hatten nicht die Möglichkeit, uns unsere Arbeitskräfte auswählen zu können, was jeder Privatunternehmer als selbstverständliche Voraussetzung für den Aufbau eines leistungsfähigen, rentablen Betriebes angesehen hätte. Es hatte sich sehr schnell in Flensburg herumgesprochen, dass dort in Mürwik für die Versehrten ein Werk im Entstehen war, das alle Versehrten aufnahm und ihnen Beschäftigung, Unterkunft und Verpflegung gewährte. So erschienen also täglich neue Versehrte. Ich sehe sie noch wie heute vor mir stehen. Wenn ich sie fragte, „Was haben sie gelernt?“ oder „Was sind Sie von Beruf?“ erhielt ich meist zur Antwort: „Ich habe noch keinen Beruf.“ Oder „Ich bin Landwirt“ oder „Ich bin Melker“. Ein großer Teil von ihnen hatte dann außerdem noch eine Versehrung, die eine praktische Tätigkeit fast ausgeschlossen erscheinen ließ. Es fehlte dem einen die Hand, dem anderen ein Arm. Und wenn sie dann vor einem standen, dann konnte man sie nicht wieder fortschicken, sondern wir mussten sehen, sie unterzubringen und mit einzusetzen. Das war nicht leicht. Die Meister, die die Werkstätten leiteten, beschwerten sich täglich darüber, dass die Neulinge keinerlei handwerkliche Fähigkeiten mitbrachten, dass sie durch ihre Versehrtheit derart gehemmt wären, dass eine praktische und nutzbringende Beschäftigung für sie unmöglich schien. Ich musste sie immer wieder auf den eigentlichen Zweck unserer Arbeit hinweisen, und sie haben sich dann mit bewundernswürdiger Hingabe dieser Aufgabe gewidmet. Um ständig den Kontakt mit allen Beteiligten zu behalten, hatten wir vom ersten Tage an, schon aus der Zeit, als wir noch nicht im Lehrwerkstätten-Gebäude untergekommen waren, eine morgendliche Besprechung angesetzt, die um 7.30 Uhr begann und etwa um 8 Uhr oder 8.30 Uhr beendet war. Es war nicht nur die Einrichtung der Werkstätten bis ins einzelne und die Herrichtung der Wohnräume zu besprechen, es galt auch, die Fertigung festzulegen und mit dem uns zur Verfügung stehenden Material abzustimmen. Es musste der Einsatz der einzelnen Versehrten besprochen werden, ihre fachliche und körperliche Eignung. Es mussten die Dinge der inneren Organisation festgelegt werden. Es mussten die Stellungnahmen der Behörden zu einzelnen Dingen bekannt gegeben und erörtert werden. Es galt, Erfahrungen auszutauschen. Besucher wurden erwartet und sollten sich einen Eindruck von unserer Arbeit verschaffen. Es mussten freiwillige Kräfte bestimmt werden, die beim Antransport von Einrichtungsgegenständen und Material mithelfen sollten. Oft stießen die Meinungen hart auseinander, weil die Meister mit Recht den Standpunkt vertraten, dass unter diesen Umständen ein geordneter Werkstattbetrieb unmöglich sei. Andererseits hatten wir keine Arbeitskräfte, und diese Transporte waren lebenswichtig. Alle diese Interessen in Einklang zu bringen, war ungeheuer schwer. Obwohl diese Männer sich rückhaltlos zu unserer Arbeit bekannten, wurde mir oft entgegengehalten: „Was Sie verlangen, Doktor, ist unmöglich.“ Und mit ganz besonderer Dankbarkeit denke ich daran zurück, wie sie fast Unmögliches trotzdem immer wieder möglich machten, wie sie sich von mir zur Lösung dieses oder jenes Problems überreden ließen.

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Jahr

1947

Ort

Flensburg

Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Versehrtenwerk

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