Das Versehrtenwerk: Das Versehrtenwerk (9)

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Das Versehrtenwerk (9) Es wird heimelig...

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Ersteller und Datum

Erstellt von GeZeiten Redaktion am 23.07.2009
Zuletzt bearbeitet am 23.07.2009

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Schilderungen von Dr. Werner Kuntze (†)

Haupttext

Eines Tages meldete sich ein Mann, der sich bereits als Küchenmeister in anderen Betrieben bewährt hatte. Wir sagten ihm, dass bei uns keine Reichtümer zu gewinnen seien, dass es aber andererseits darauf ankäme, die Versehrten trotz der Ernährungsschwierigkeiten so gut wie möglich zu versorgen. Er erklärte sich sofort bereit, diese Aufgabe zu übernehmen. Wir zeigten ihm die Räume, die wir hierfür vorgesehen hatten. In diesen Räumen lagerten zur Zeit noch viele hundert Zentner Kohlrüben und Kohl, die in einem angrenzenden Flüchtlingslager Verwendung finden sollten. Die Küche des Flüchtlingslagers erklärte sich mit einer Umlagerung dieser Gemüsemengen unter der Bedingung einverstanden, wenn wir den Transport übernehmen würden. Und so begann eine recht mühselige Arbeit. Diese hunderte von Zentnern wurden in einzelnen Schubkarren in das angrenzende Flüchtlingslager geschafft. Es sind weit über tausend Karren gefahren worden. Das Einladen und Hin- und Rückfahren einer Karre allein dauerte etwa eine halbe Stunde. So wurde also mehrere Tage lang von morgens bis abends Kohl gekarrt. Diese ganze Arbeit wurde von freiwilligen Helfern, zum Teil sogar von Versehrten getan.

Nachdem diese Räume nun entleert waren, mussten sie gesäubert, die fehlenden Fensterscheiben ergänzt und die Räume gestrichen werden. Das hört sich leicht an. Aber wie viele Gänge allein zur Beschaffung des Materials, besonders um das Glas zusammenzutragen, notwendig waren, wird man nur glauben, wenn man selbst dabei war. Dann wurden neue Wände gezogen, die den Gemeinschaftsraum abtrennten von der eigentlichen Küche und Kantine. Auch hier musste viel improvisiert werden. Baumaterial war nicht vorhanden. Wir fanden in unserem Gebäude Zementplatten, die die einzelnen Schweißstände abgegrenzt hatten und sich für unsere Zwecke als Zwischenwände besonders gut eigneten. Es mussten Lattengerüste gezogen werden, auf die diese Platten dann mit Schrauben montiert wurden. Irgendwo in einem Schrottlager wurde ein völlig verrosteter stark beschädigter Herd entdeckt. Er wurde für unsere Zwecke beschlagnahmt und käuflich erworben. Dann fand jemand irgendwo einen unbenutzten Kessel und noch einen Abwaschtisch, dessen Holzteile zum Teil schon verfault waren, und sogar unter altem Gerümpel eine Theke. Diese als Theke zu entdecken, setzte schon eine beachtliche Fachkenntnis voraus, denn es waren nur Teile, die verbogen und verrostet waren. Aus diesem Schrott entstand tatsächlich eine vollständig eingerichtete Küche. Allerdings haben wir die Arbeitsstunden, die darauf verwandt werden mussten, nicht gezählt. Als ich das erste Mal den Kessel sah, hielt ich es für unmöglich, dass darin jemals wieder Suppe gekocht werden könnte. Eine dicke feste Schicht bedeckte Boden und Wände, die wenig angenehm rochen. Wenige Tage später blitzte der Kessel, als wenn er direkt aus der Fabrik gekommen wäre.

Der Gemeinschaftsraum war besonders wohnlich hergerichtet worden. Wir hatten die Stühle, die zum Teil das schmutzige, abgegriffene Gelb der Büromöbel zeigten, einheitlich neu gestrichen. Die Versehrten hatten sich sogar eine Polster-Sitzecke selber gebaut. Aus alten Säurebehältern, deren Hals abgeschnitten wurde, entstanden Vasen, die großen Sträuße von Grün fassten. An den Wänden befanden sich selbst gefertigte Holzbeleuchter. Ein Radioapparat sorgte für Unterhaltung und Musik. Die Fenster waren mit Gardinen und Vorhängen aus dem bekannten blau-weiß-karierten Marinestoff geschmückt. So kam der Tag, an dem offiziell die Küche eröffnet wurde und der Gemeinschaftsraum eingeweiht werden sollte. Zu diesem feierlichen Anlass waren Persönlichkeiten der Stadt und des Roten Kreuzes, das uns zusätzliche Lebensmittel für die Versehrten gegeben hatte, geladen worden und unser Küchenmeister hatte ein besonders festliches Essen bereitet. Wir saßen an Tischen, die mit sauberen Tischdecken belegt waren und ließen uns das erste in unseren Räumen gekochte Mittagsmahl servieren. Mit einer kleinen Ansprache an unsere Versehrten und die Gäste wurde dieses denkwürdige Ereignis gefeiert.

Neben der Küche war eine Kantine eingerichtet worden, in der sich die wieder hergerichtete Theke befand. Es wurde sogar Bier ausgeschenkt. In der Kantine konnten die Versehrten Gebrauchsgegenstände käuflich erwerben, wie Kämme, Rasierklingen, Spiegel, Messer, Schreibpapier etc. So waren sie nun ganz bei uns zu Hause. Wir hatten eine Anzahl von kleineren Räumen als Unterkunftsräume eingerichtet. Auch hier war viel Arbeit aufgewandt worden um sie wieder wohnlich zu machen. Jeder Versehrte hatte sein Bett. Und es wurden nicht mehr als höchstens vier Mann in einem Raum untergebracht, um ihnen das Gefühl irgendeiner Kasernierung zu nehmen. Sie konnten sich ihre Zimmer ganz individuell einrichten. Einige teilten ihren Raum in ein Schlafgemach und in ein Wohnzimmer. Das Wohnzimmer schmückten sie mit persönlichen Gegenständen, wie Fotografien ihrer Familie, von denen sie oft noch keinerlei Nachricht hatten, und mit kleinen Gegenständen, die sie in den Werkstätten selbst gefertigt hatten. So wies jedes Zimmer eine eigene Note auf. Die Schränke, die zum Teil noch von der Wehrmacht stammten, wurden je nach Geschmack der Zimmereinwohner gestrichen. Die wohnliche Ausgestaltung der Unterkünfte allein genügte nicht, um den Versehrten die fehlende Heimat zu ersetzen, sondern wir mussten auch dafür Sorge tragen, dass sie nach Feierabend Entspannung und Unterhaltung hatten, abgesehen von den Gemeinschaftsabenden, musikalischen Darbietungen, bildenden Vorträgen, Kursen in Rechnen und kleinen Arbeitsgemeinschaften wissenschaftlicher Art haben wir Abkommen mit den Theatern und Kinos getroffen, die für Versehrte immer eine bestimmte Anzahl von Karten bereitgehalten haben. Damit allein war es aber nicht getan.

Sie hatten oft nach Schluss der Vorstellung keinerlei Fahrtmöglichkeit mehr, und so musste auch dafür gesorgt werden, dass sie wieder zum Werk gefahren wurden. Dabei geschah es dann wohl auch mal, dass der Wagen sich verspätete, oder dass er eine Panne hatte, und das dann die Jungs vergeblich warten mussten. Das waren kleine Regiefehler, die meistens eine Tücke des Objekts waren und mit Humor getragen wurden. Das Entscheidende blieb aber, dass wir die Versehrten geistig betreuten. Im Zusammenhang hiermit wurde auch die Einrichtung einer kleinen Bibliothek in Angriff genommen. Wir hatten Bücher erhalten, die insbesondere zu Weihnachten durch Bücherspenden aus privater Hand erweitert wurden. Dieser Bibliothek nahm sich ein versehrter Lehrer an. Er stellte ein genaues Verzeichnis auf nach Themen geordnet. Er entwarf eine kleine Bibliotheksordung. Es wurden Bibliotheksschränke gestrichen und hergerichtet.

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Jahr

1947

Ort

Flensburg

Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Versehrtenwerk

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